Sundowning bei Demenz: Ursachen und Abendroutine
Wenn Sie einen Angehörigen mit Demenz pflegen, kennen Sie vielleicht das Gefühl, dass der Tag „in zwei Hälften zerfällt”.
Vormittags gibt es noch eine Verbindung. Langsamer, vergesslicher, mehr Hilfe wird gebraucht, aber ein Lächeln kommt, eine Reaktion, manchmal ein alter Satz, der Sie aufatmen lässt: „Er/Sie ist noch da… vielleicht wird es heute leichter.”
Dann kommt der Abend.
Das Licht verändert sich, die Schatten werden länger, die Wohnung stiller… und etwas scheint zu kippen. Manchmal nur kleine Anzeichen: Unruhe, Umherwandern, Hektik. Manchmal, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ihr Angehöriger packt Sachen, stellt Fragen, wird misstrauisch — und sagt manchmal Sätze, die Sie tief treffen: „Wer sind Sie?” — „Was machen Sie hier?” — „Ich muss nach Hause!”
Sundowning ist kein böser Wille, kein absichtliches Verhalten und nicht Ihre Schuld. Es ist eine häufige, mit Demenz verbundene Erscheinung, bei der sich am späten Nachmittag und Abend Verwirrtheit, Angst und Unruhe verstärken können.
Was erfahren Sie in diesem Artikel?
📌 Wichtige Erkenntnisse
- Was abends im Demenzgehirn passiert — verständlich erklärt
- Was die betroffene Person in diesem Moment erlebt (und warum sie sich „nicht anstellt")
- Die häufigsten Auslöser, die Sie beeinflussen können
- Eine praktische Abendroutine, die Sie heute Abend beginnen können
- Wann Sie vermuten sollten, dass es „nicht nur Sundowning" ist
Was passiert dann im Demenzgehirn?
Stellen Sie sich Sundowning so vor, als würde das Demenzgehirn am Ende des Tages müde von der Orientierung. Nicht müde wie wir nach einem langen Arbeitstag, sondern erschöpft davon, den ganzen Tag die Welt zusammenzusetzen: Wo bin ich, was geschieht, wer ist wer, was kommt als Nächstes.
Für uns ist der Abend einfach: Es wird dunkel, wir schalten das Licht an, sehen dieselbe Wohnung. Bei Demenz werden abends jedoch oft die Anhaltspunkte schwächer, die tagsüber noch helfen: weniger Licht, mehr Schatten, der Raum wird unsicherer, und es bleibt weniger Reservekapazität für ruhige Anpassung.
Deshalb kann es abends mehr Angst, Unruhe, Misstrauen und Widerstand geben — und oft das Gefühl, als würde die Person „gegen das Einschlafen kämpfen”. In Wirklichkeit kämpft sie nicht: Sie klammert sich fest, weil sie innerlich verloren ist.
Was erlebt die betroffene Person dabei?
Die meisten Pflegenden machen (völlig verständlicherweise) den Fehler, das Symptom als „Verhalten” zu sehen. Es kann wirken, als würde der Angehörige absichtlich dagegen sein.
Doch meistens passiert Folgendes: Er/Sie hat Angst.
Abends wird die Welt unsicherer. Vielleicht weiß die Person nicht genau, wo sie ist, ist sich nicht sicher, wer Sie sind, versteht nicht, warum alles „anders” geworden ist. Das Demenzgehirn meldet diese Unsicherheit häufig als Gefahr — und dann schaltet das Nervensystem in den Alarmmodus: Fliehen, sich verteidigen, etwas tun.
Deshalb wandert die Person umher, deshalb packt sie Sachen, deshalb klammert sie sich an den Gedanken „Ich muss nach Hause”: Sie sucht die alte Sicherheit, auch wenn das kein konkreter Ort mehr ist, sondern ein Gefühl.
Was verdirbt den Abend am häufigsten?
Sundowning „passiert” selten einfach so. Viel häufiger summieren sich mehrere kleine Dinge, und abends wird es dem Nervensystem einfach zu viel.
Die häufigsten Auslöser
- Dämmerlicht und Schatten — die den Raum bedrohlich wirken lassen können.
- Zu viele Reize — Fernseher, Nachrichten, Lärm, Hektik.
- Zu langer Mittagsschlaf — die innere Uhr „verschiebt sich”.
- Hunger oder Durst — ein Grundbedürfnis, das nicht immer signalisiert wird.
- Verborgene Schmerzen — Verstopfung, Zahnschmerzen, Gelenkbeschwerden, Druckgefühl.
- Akute Ursachen — Infektion, Dehydration.
- Medikamentenänderung — Nebenwirkung oder falscher Einnahmezeitpunkt.
Die gute Nachricht: An vielen dieser Faktoren lässt sich behutsam etwas ändern — und manchmal reicht schon eine einzige Anpassung, um den Abend leichter zu machen.
Was können Sie heute Abend tun? Praktische Abendroutine
Wenn Sie gerade nur so viel schaffen wie „irgendetwas soll helfen”, denken Sie an: Ruhe — Licht — Sicherheit — vertrauter Rhythmus.
Die Umgebung
Schalten Sie den Fernseher aus (besonders die Nachrichten), und sorgen Sie für warmes, gleichmäßiges Licht, kein Halbdunkel. Wenn häufig „Aufbruchsstimmung” und Packen vorkommt, räumen Sie Jacke, Schuhe und Tasche aus dem Blickfeld — nicht als Strafe, sondern damit das Gehirn nicht auf die „Fluchtidee” anspringt.
Ihre Stimme
Sie müssen nicht perfekt reagieren. Es reicht, wenn Sie langsamer und leiser sprechen, in kürzeren Sätzen. Abends funktionieren lange Erklärungen selten, aber eine ruhige Stimme signalisiert sofort: Keine Gefahr.
Bei Anspannung
Diskutieren Sie nicht. Verbinden Sie sich stattdessen. Sätze, die oft helfen:
- „Ich sehe, das ist gerade schwer.”
- „Ich bin bei Ihnen.”
- „Sie sind in Sicherheit.”
Körperlicher Komfort
Eine Decke, Händehalten, Tee, ein Glas Wasser, ein paar Bissen. Oft bringt das körperliche Wohlbefinden den Moment, in dem auch das Gehirn zur Ruhe findet.
Vertraute Aktivität
Lenken Sie auf etwas ganz Einfaches um: gemeinsam Tee zubereiten, leise Musik, 2–3 Fotos anschauen, eine leichte „Helfen Sie mir dabei”-Aufgabe. Das Ziel ist nicht, dass alles verstanden wird — sondern dass die Person in einen ruhigeren Zustand hinübergleitet.
Die Kraft der Vorhersagbarkeit
Halten Sie jeden Abend dieselbe Zubettgeh-Reihenfolge ein. Vorhersagbarkeit ist bei Demenz eines der stärksten Beruhigungsmittel.
Wann sollten Sie vermuten, dass es „nicht nur Sundowning” ist?
Sundowning folgt oft einem Muster: Zu ähnlichen Zeiten wird es schlechter, morgens oft besser. Suchen Sie jedoch ärztliche Hilfe, wenn:
- Die Veränderung ungewöhnlich plötzlich auftritt.
- Auch tagsüber starke, neu auftretende Verwirrtheit besteht.
- Der Verdacht auf einen Sturz, Fieber oder Dehydration besteht.
- In den letzten Tagen eine Medikamentenänderung stattgefunden hat.
Lieber ein „überflüssiger” Anruf als eine behandelbare Ursache, die übersehen wird.
Ein Wort an Sie selbst
Während des Sundownings sind auch Sie in Alarmbereitschaft: Sie beobachten, beugen vor, reagieren, beruhigen — dabei steht auch Ihr eigenes Nervensystem unter Spannung. Das ist auf Dauer erschöpfend.
Sundowning ist nicht nur der Zustand der betroffenen Person. Es ist auch die Belastung der Familie. Deshalb ist das Ziel nicht, alles „auszuhalten”, sondern ein einfaches System zu haben, das Ihnen Last von den Schultern nimmt.
Ein Satz, den Sie sich ruhig immer wieder sagen dürfen:
„Es ist jetzt nicht meine Aufgabe, auf alles eine Antwort zu finden, sondern Sicherheit und Ruhe für den Abend zu schaffen.”
Wichtiger Haftungsausschluss
Dieser Beitrag ist ein informativer Inhalt zur Unterstützung des Pflegealltags und ersetzt keine individuelle fachärztliche Beratung, Diagnose oder therapeutische Behandlung. Der Zustand von Menschen mit Demenz ist einzigartig — wenn Sie bei Ihrem Angehörigen plötzliche, drastische Verhaltensänderungen, Verwirrtheit oder eine Verschlechterung bemerken, wenden Sie sich umgehend an den behandelnden Arzt oder Geriater! Die Anwendung der beschriebenen Techniken und Vorschläge erfolgt auf eigene Verantwortung. Der Autor übernimmt keine Haftung für etwaige Schäden oder gesundheitliche Folgen, die aus der individuellen Nutzung dieser Informationen entstehen. Vor der Einführung neuer Pflegemethoden oder Änderungen der Lebensweise wird die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt empfohlen.
Dr. Anna Kovács
Experte im Bereich Demenzpflege